
In diesem Blogbeitrag ziehe ich einen Bogen von der Anwesenheit des „Dritten“ in allen Beziehungsformen, über den dadurch veränderten Blick auf unser vertrautes Gegenüber, hin zu wichtigen Voraussetzungen und grundlegenden Fragen für den Prozess der Beziehungsöffnung.
Viel Freude beim Lesen!
Der Reiz des Anderen
Die Gesellschaft wirkt in Punkto Beziehungen und Sexualität offen wie noch nie, parallel dazu erstarken allerdings konventionelle Strömungen. Monogamie erscheint trotz hoher Scheidungsraten, der Häufigkeit von Affären und dem Konzept „Liebe auf Zeit“ (serielle Monogamie) immer noch als das große Ideal, an dem wir uns ausrichten und andere bewerten.
Romantische Liebesfilme, der rechtliche Sonderstatus der Ehe, aber auch Ideen wie „ich muss nur den Richtigen finden, dann klappt es auch mit der Liebe“, zeugen davon.
Und doch ist es eben auch ein Privileg unserer Zeit, unserer Kultur und unserer individuellen Rahmenbedingungen, dass wir uns ganz offen mit der Frage beschäftigen dürfen:
Will ich wirklich alles mit einer:einem und für immer?

Esther Perel formuliert zugespitzt: „Über allen Beziehungen schwebt der Schatten des oder der Dritten“ und meint damit: auch wenn wir es in unserem Ideal der Einheit zweier Liebender nicht wahrhaben wollen, ist da immer auch das gefährliche Andere.
Die große Liebe aus der Abi-Zeit. Der Ex-Partner, der viel fitter ist als ich. Die Frau im Supermarkt, mit der du geflirtet hast. Im Kindergarten, dieser eine Betreuer, so sweet. Die Person, die sich gerade nach dir umgedreht und gelächelt hat.
Der „Schatten“ weist auf alle Möglichkeiten, die in einer exklusiven Zweierbeziehung ausgegrenzt werden. All die Verlockungen, die doch omnipräsent sind.
Ihre Leugnung führt zu Unehrlichkeit und Heimlichkeiten, die sich negativ auf die Beziehung auswirken können.
Stattdessen empfiehlt Esther Perel, den „Dritten“ einzuladen.
Das heißt erst einmal: Sehnsüchte, Fantasien, den Reiz durch andere, anzuerkennen und zuzulassen. Für manche kann es schon ein wichtiger Schritt sein, sich gegenseitig Solosex mit „abschweifenden“ Fantasien zuzugestehen. Es ist ebenso möglich, offen zu teilen, wenn andere Menschen als attraktiv wahrgenommen werden – ohne real in Kontakt mit ihnen zu gehen.
Für manche Paare erfüllt das gemeinsame Schauen von Pornos dieses Bedürfnis.
Zahlreiche weitere Wege sind denkbar, dieses Andere so zu gestalten, dass davon das wirkliche partnerschaftliche Miteinander nicht geschmälert oder sogar kaum tangiert wird und dennoch einen neuen Reiz erfährt.

Durch das Andere, durch den:die Dritte, wird meine Beziehungsperson wieder etwas fremder für mich – und für einige Therapeut:innen liegt genau darin der Reiz und die Möglichkeit der Wiederbelebung der Erotik zwischen zwei Partner:innen. Wir können unsere Partnerperson wieder in ihrer:seiner Andersartigkeit sehen – und begehren.
Fragen auf dem Weg zu einer offenen Beziehung
Konsequent weitergedacht, lässt sich jenseits von Monogamie ein großes Feld aufspannen, das so vieles beinhalten kann, aber nicht muss.
Vom gemeinsamen Besuch im Swinger-Club über die Teilnahme an einem Tantra-Seminar für Paare, das Besuchen von sexpositiven Parties allein oder zu zweit, über Dates mit anderen, neue „friends with benefits“ bis hin zu parallelen Beziehungen.
All das und so vieles mehr, das vielleicht verlockend und gleichzeitig gefährlich klingt, wenn Menschen sich fragen:

Sollen wir unsere Beziehung öffnen?
Ganz grundlegend ist an dieser Stelle, wie so oft: Kommunikation!
Sprecht miteinander!
Was verbindet ihr mit der Idee der Öffnung?
Was reizt euch, was lockt euch, was erhofft ihr euch – und wo liegen eure Ängste?
Wenn es irgendwie möglich ist – nehmt euch viel Zeit für diesen Austausch!
Mona Lohr empfiehlt, dass der Öffnung ein längerer Reflexionsprozess vorausgeht, der unter anderen einen „Beziehungs-Check“ beinhaltet.
Eine Beziehung aus einer Instabilität heraus zu öffnen, ist keine gute Idee.
Wie stabil seid ihr in eurer Beziehung?
Wie sehr habt ihr euch selbst bereits individuell kennengelernt, euch mit grundlegenden Themen (z.B. eigene Bindungserfahrungen, Biographie, Umgang mit Trigger-Punkten etc.) auseinandergesetzt?
Wie stark sind eure Kommunikations-Kompetenzen ausgebildet?
Verfügt ihr über Tools zur Selbstregulation?

Eine Öffnung geht mit vielen Herausforderungen einher und kann die Beziehung ganz grundlegend verändern. Es kann sein, dass ihr mit alten Wunden konfrontiert werdet und dass ihr neue Seiten an euch entdeckt – und zwar auch solche, die euch (oder eurer Partnerperson) nicht gefallen. Dass ihr euch bis jetzt nicht vorstellen konntet, jemals eifersüchtig zu reagieren – aber irgendwann genau diese eine Stelle getroffen wird, an der ihr verwundbar seid.
Ihr begebt euch damit auf einen Weg, den ihr gemeinsam beginnt.
Ihr entscheidet, welche Schritte ihr macht, wie groß diese sind, und in welchen Abstand.
Es kann sinnvoll sein, immer mal wieder das Tempo rauszunehmen und innezuhalten.
Bei allen Verlockungen im Außen: stärkt immer wieder eure Beziehung.
Sie ist eure Grundlage, euer Fundament.

Manchen unterstützt es, regelmäßige Check-Ins zu vereinbaren: was war gut, was sollten wir verbessern, was wollen wir ganz anders oder gar nicht?
Fragen, die ihr euch vorab individuelle und für euch als Paar stellen solltet, können auch sein:
Wie ist es um unsere zeitlichen Ressourcen bestellt?
Wie viel Raum für all das, was uns neugierig macht, haben wir?
Steht uns genügend Zeit und Freiraum zur Verfügung, um regelmäßig in Austausch zu sein und auch akute Krisen gut auffangen zu können?
Was außerdem hilfreich ist: Informationen (Bücher, Podcasts und Workshops zum Thema), Austausch (z.B. bei Poly-Stammtischen, oder mit Personen, die ihr bei Workshops kennenlernt) und ein unterstützendes Netzwerk. Die Freundin, die du auch nachts anrufen kannst. Der Freund, der mit dir etwas unternimmt, während deine Partnerperson ein Date hat. Menschen, die euch auch im Alltag unterstützen und damit dafür sorgen, dass ihr mehr Kapazitäten habt.
Wenn die Entscheidung klar ist, dass ihr eure Beziehung öffnen wollt, könnt ihr auf Basis der bisherigen Gespräche zu gemeinsamen Absprachen finden. Ganz konkrete Vorschläge dafür findet ihr z.B. auch bei Mona Lohr.

Besonders herausfordernd kann es sein, wenn eine:r von euch sich bereits verliebt hat und ihr von jetzt auf gleich damit umgehen müsst. Oder wenn sich eine Person die Öffnung viel mehr wünscht, als die andere. Oder eine:r von euch viel weniger innere Ressourcen hat, um mit Verletzungen umzugehen.
Auch hier hilft jedoch: Kommunikation und Zeit.
Der Weg entsteht beim Gehen
Die letzten Absätze haben lediglich einen kleinen Überblick über einige relevante Aspekte gegeben, die auf dem Weg von „Mono“ zu „Poly“ von Bedeutung sind.
Vielleicht denkst du jetzt:
Boah, das ist so viel!
So vieles, was besprochen, bearbeitet, reflektiert werden will.
Und dabei haben wir noch nicht mal angefangen.
Lass dich nicht entmutigen: es lohnt sich!
Für viele ist es bereits bereichernd, sich auf den Weg zu machen.
Die Auseinandersetzung mit dem Thema „Öffnung“ führt dazu, sich und den:die Andere noch besser kennenzulernen, schafft Verständnis für die jeweiligen Bedürfnisse, hilft dabei, Grenzen auszuloten und fördert Nähe und Verbindung zwischen zwei Menschen.
Selbst wenn ihr euch entscheidet, diesen Weg nicht weiterzugehen: das bleibt.
Und wenn ihr weitergeht, dann auf einem stabileren Fundament.
Habt ihr euch am Anfang darüber verständigt, welche Wünsche ihr mit der Öffnung verbindet, welche Sehnsüchte ihr habt und vielleicht sogar eine gemeinsame Vision etabliert, könnt ihr immer wieder daran anknüpfen – auch wenn es gerade schwierig erscheint.

Ihr müsst auch auf eurem Weg nicht allein bleiben – lasst euch von lieben Menschen unterstützen, baut euch ein Netzwerk auf, in dem ähnliche Themen bewegt werden, besucht Workshops und traut euch, individuelle Beratung zu Hilfe zu holen, wenn es (zu) herausfordernd wird.
Auch ein Gespräch mit einer dritten, professionellen Person, ist eine Investition in eure Beziehung.
Quellen und weiterführend
Perel, Esther: Was Liebe braucht. Untreue überdenken. Ein Buch für alle, die jemals geliebt haben. 3. Auflage 2024. Hamburg (Harper Collins).
Mona Lohr: Von Mono zu Poly: Der Ratgeber für Paare, die ihre Beziehung (vielleicht) öffnen wollen. 2022.
von Mona Lohr stammt auch eine Check-Liste zur Beziehungsöffnung
Podcast Mono, Poly und Co. von Sonja Jünger (mehrere Folgen zum Thema Beziehungsöffnung)